… kann ich dich etwas fragen?

Klrsex-Blog, 30. Oktober 2014
Gastbeitrag
Katharina Rollinger (Bundesbeauftragte Caravelles, PPÖ)

„… kann ich dir etwas erzählen? Ohne, dass du es weitererzählst?“ Gespannt schaue ich auf von meinem Arbeitstisch in die blauen Augen einer 11-Jährigen – nennen wir sie Juliane. „Es geht darum, dass schon vier Buben mich gefragt haben, ob ich mit ihnen gehen will.“ Sie verstummt und wartet auf meine Reaktion. In mir kommt die Erinnerung hoch, wie ich mich in dem Alter gefühlt habe. „Ich finde das ja voll nett von ihnen, aber ich will nur mit ihnen befreundet sein. Ach ja … und was heißt das eigentlich, wenn Burschen ihre Tage haben, und wie kann ein Mädchen schwul sein?“, sprudelt es weiter aus ihr heraus. In mir kommt ein Lächeln auf.

Die Symbole für Frauen, Männer, Heterosexualität und Homosexualität sind in verschiedenen Farben auf eine Leinwand gemalt. © BJV

Das war der Einstieg in ein offenes Gespräch über Fachvokabular, Beziehungen, und Liebe. Nein, sie ist nicht meine Tochter, auch nicht meine Schülerin. Sie ist, so wie ich, eine Pfadfinderin. Wir, ca. 18 Jugendliche, Mädchen und Burschen und 4 BetreuerInnen, treffen uns einmal in der Woche für zwei Stunden, fahren hin und wieder auf Wochenendaktionen und im Sommer verbringen wir 10 Tage gemeinsam – und dennoch fragt sie mich, ihre Pfadfinderleiterin.

Immer wieder habe ich schon solche oder ähnliche Gespräche mit Jugendlichen geführt und mir dieselbe Frage gestellt – warum ich? Vor einigen Jahren habe ich beschlossen, ein Seminar zu besuchen, das von SexualpädagogInnen veranstaltet wurde. Dort, zwischen lauter Freizeitpädagogen und Freizeitpädagoginnen, ist dann der Groschen gefallen:
«Wo gibt es denn den Raum, ausreichend Zeit und die passende Person, der man all diese Fragen stellen kann, ohne sich vor der Klassengemeinschaft zu blamieren und den Eltern zu viel Informationen zu geben, von denen man doch gerade beginnt, sich ein wenig abzunabeln?»

In meiner Frage ist schon impliziert, dass es nicht die Schule ist. Im Biologieunterricht soll dieses wichtige Thema Platz finden. Schön, dann weiß ich wie die weiblichen und männlichen Geschlechtsteile heißen, kann erklären warum es wichtig ist zu verhüten und habe verstanden, dass Hormone für meine Pickel verantwortlich sind. Aber warum Paul und Simon sich heimlich küssen oder Sabine ihren Busen versteckt und lieber ein Bub sein will, darüber redet man nicht.

Genauso wenig will man mit seinen Eltern drüber reden. Die peinliche Situation, wenn die Mama auf einmal mit einer Packung Tampons oder Binden vor einem steht und mit einem über Burschen reden will sowie der erste Besuch beim Gynäkologen. Ein Gespräch, das oft ohne Vorankündigung kommt, ohne den Raum, sich mögliche Fragen zu überlegen. Und dann ist da eben auch die Sache mit der Abnabelung als Jugendliche/r – manchmal will man solche Dinge einfach nicht mit den eigenen Eltern besprechen.

Kurz – ja, der Groschen ist gefallen! Wir, die keine Lehrerinnen und Lehrer sind, aber mit Kindern und Jugendlichen Zeit verbringen und eine vertraute Verbindung zu ihnen haben, sind bei diesem Thema gefragt. Keine Tests, kein richtig und falsch, sondern einfach drüber reden, Fragen beantworten, ob nun im vier-Augen-Gespräch oder mit einer kleinen Gruppe. Wir können den Raum bieten, uns die Zeit nehmen, unser Programm umschmeißen, wenn es erforderlich ist. Wir haben keine Lehrpläne die wir einhalten müssen. Das haben allerdings Eltern auch nicht! Warum wollen Kinder und Jugendliche dennoch nicht mit ihnen über das Thema Sexualität reden? Vielleicht liegt es daran, dass sie es vorher auch nie getan haben. Kinder streben nach Unabhängigkeit und wollen nicht mehr als „Kinder“ von ihren Eltern wahrgenommen werden. Da Sexualität selten (bis nie) ein Thema zwischen Kind und Elternteil war, fehlt oft der Einstieg in ein Gespräch über dieses wichtige Thema.

Also: Hören wir nicht auf, darüber zu sprechen, Fragen zu beantworten, Rollenklischees zu hinterfragen und wichtige GesprächspartnerInnen zu sein!