Das Ding mit dem Sexting.

Klrsex-Blog, 12. November 2014
David Neuber

Wenn wir verliebt sind, dann sind wir verliebt und alles andere wird hinten angestellt. Dann machen wir verrückte Dinge und denken nicht gleich über die Folgen unseres Handelns nach. Hinzu kommt, dass mit Liebe im Normalfall Vertrauen gekoppelt ist – und das ist gut so. Dieses Vertrauen wollen wir natürlich beweisen und ein Nacktfoto ist ein solcher Vertrauensbeweis. Sexting, so nennt man das Verschicken oder weiterleiten von digitalen Nacktfotos, kann aber oft zum Problem werden.

Nicht das Was hat sich also verändert, sondern das Wie!

Wenn einander vor 20/30 Jahren sich liebende Menschen Nacktfotos geschickt haben (heute: primäres Sexting), dann war das mit Filmentwickeln und zur Post ein frankiertes Kuvert bringen, also großem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Das hat es gegeben, Stichwort Polaroids, aber war wohl sehr selten. Als EmpfängerIn, dann dieses Foto zu vervielfältigen und dann z.B. 100 frankierte Kuverts an ebenso viele bekannte Adressen weiterschicken (heute: sekundäres Sexting), ist dann aber ein eher unvorstellbarer Vorgang, den es wohl kaum gegeben hat.

Heute gibt es Tabletts und Smartphones, die mit Programmen wie WhatsApp oder Snapchat ausgestattet sind. Damit kann ich oben skizzierte Vorgänge binnen Sekunden, kostenlos und an eine unübersehbare Anzahl an Menschen erledigen. Dieses Anprangern, Öffentlich-machen der Nacktheit, oft verbunden mit Erpressung und psychischer Gewalt ist Cybermobbing. Die Folgen sind Schamgefühl, kaputte Beziehungen, zerstörte Existenzen, bis hin zu Selbstmord. Das ist der Grund, warum Sexting im Herbst 2014 ein so brandaktuelles Thema und oft ein Problem ist, das viele betrifft und das wir behandeln möchten.

Drei junge Menschen stehen im Kreis und schauen auf ein Handy. © "Christina Schwarzbach" / www.youthmedia.eu, CC-Lizenz(by)

In weiterer Folge möchte ich aber eher auf das „Warum“ und das „Was braucht’s“ eingehen. Wer sich genauer über die Situation mit Zahlen, Fakten, Hintergrundinfos zu Sexting in Österreich und mit Querverweisen in die USA informieren möchte, sollte unbedingt den tollen Artikel „Liebe, Sex & Smartphone“ von Stefan Apfl aus der April 2014-Ausgabe der Zeitschrift Datum lesen.

Selbst schuld, kein Mitleid

Sexting ist nicht vorrangig ein Phänomen von jungen Menschen, es passiert in allen Altersgruppen, doch je jünger die Menschen sind, desto tabuisierter ist es und desto mehr ist es auch strafrechtlich relevant, wenn beispielsweise Fotos von Minderjährigen weiterverschickt werden (§207a StGB – Kinderpornographie). Interessant wird es dann, wenn jugendliche Sexting-Opfer von Erwachsenen in eifriger Stammtischmanier gemaßregelt und der grenzenlosen Dummheit bezichtigt werden. Oft wird dann gleich die ganze „heutige Generation“ als verantwortungslos und übersexualisiert abgeschrieben, die dafür ruhig den Preis zahlen soll, weil sSkM – selbst Schuld, kein Mitleid. Nicht erwähnt wird, wer denn all diese Möglichkeiten und Mittel zur Verfügung stellt, wer von diesen Fotos und Videos profitiert, wenn diese zum Beispiel auf RevengePorn-Webseiten landen und für fette Einnahmen sorgen – Erwachsene!

Warum stellt jemand ein Nacktfoto ins Internet?

Zwei Dinge sind im Zusammenhang mit Sexting und Jugendlichen von großer Bedeutung und wie so oft heißen die Zauberwörter Kompetenzvermittlung und Beteiligung. In einem großen Kontext müssen wir uns und die Gesellschaft grundsätzlich fragen, welche Möglichkeiten geben wir Jugendlichen sich persönlich als differenziert zu zeigen? Welches Forum gibt es, wo sich Jugendliche beteiligen dürfen, wo können sie präsent und cool, eben erwachsen sein? Nirgends, außer immer in der Freizeit, zusätzlich, aber selten dort wo sie sind, in der Schule zum Beispiel. Die Jugendlichen sind nicht wie vor 100 Jahren im Job und damit zwar sehr jung, aber selbstbestimmt! Das führt einerseits dazu, dass es Jugendlichen nicht ermöglicht wird Kompetenzen im Umgang mit Verantwortung beizubringen, weil Eltern, LehrerInnen oder andere Menschen für sie Entscheidungen treffen und Probleme lösen. Andererseits führt es dazu, dass sich Jugendliche Foren und Möglichkeiten suchen um erwachsen sein zu können. Das Internet und die mit 12/13 Jahren in den Vordergrund rückende Sexualität kommen da gerade richtig.

Was braucht’s und was braucht’s nicht?

Was es nicht braucht sind Erwachsene die über Jugendliche und ihre Sexualität reden, das ist provokant und übergriffig, sie sind nicht die „Türsteher der Sexualität ihrer Kinder“, wie es Nils Pikert in diesem Artikel so schön formuliert hat.

Nicht sehr förderlich sind Verbote und Sperren, denn die verhindern einerseits eine ehrliche Auseinandersetzung mit Fragen und bereits entstandenen Problemen und andererseits sind sie meistens sowieso wirkungslos, weil ein Weg gefunden wird, wie sie umgangen werden können.

Wir brauchen für Jugendliche mehr echte Beteiligungsmöglichkeiten in der Gesellschaft, sowohl politisch, als auch für ihr eigenes Leben, um verantwortungsvolles Handeln zu ermöglichen.

Weiters muss Medienkompetenz verstärkt vermittelt werden. Das Recht auf das eigene Bild, soziale und strafrechtliche Folgen, Begriffe wie Sexting, Grooming und Cybermobbing müssen erklärt und  dafür sensibilisiert werden.

Und natürlich müssen Kompetenzen rund um Sexualität und den eigenen Körper verstärkt ausgebildet werden. Es geht um ein positives und altersadäquates Lernen rund um den eigenen Körper, damit Kinder und Jugendliche sich selbst und ihre Grenzen besser wahrnehmen können und das sollte so früh wie möglich starten, wie schon Laura zuvor geschrieben hat!

Solltet ihr Fragen zu diesem Thema haben, oder selbst betroffen sein und nicht wissen, was zu tun ist, dann meldet euch bei 147 – Rat auf Draht oder schaut auf saferinternet.at vorbei!

Jugendliche stehen zusammen und halten Sprechblasen mit Fragen zum Thema Sexualität sowie einem ratlosen Ähm in die Höhe. © BJV/Schneider