Offener Brief zur Kronehit-Aktion „Tutti Kompletti“

Die BJV äußert in einem offenen Brief an die Redaktion ihre Bedenken aus Sicht junger Menschen.

Liebe Kronehit-Redaktion!

Mit großem Bedauern haben wir von Ihrer Aktion „Tutti Kompletti“ Kenntnis genommen und möchten Ihnen unsere gravierenden Bedenken mitteilen.

Als Interessenvertretung aller jungen Menschen in Österreich treten wir für die Rechte und Chancen von Kindern und Jugendlichen ein. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist es, Mädchen und junge Frauen in ihrer Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu stärken. Diese Ziele sehen wir medial gerade stark gefährdet.

Die von Ihnen durchgeführte Aktion ist frauenverachtend, moralisch verwerflich und markiert einen neuen Tiefpunkt in der Medienlandschaft Österreichs. Wir bedauern es zutiefst, dass Ihnen für Aufmerksamkeitsheischerei jedes Mittel recht scheint, ohne auf die Konsequenzen zu achten.

Die negativen Auswirkungen Ihrer Aktion für junge Menschen liegen für uns klar auf der Hand:

  •  Jungen Menschen wird ein künstliches und unnatürliches Körperbild als „normal“ und erstrebenswert suggeriert. Dass Jugendlichen von außen und öffentlich – in diesem Fall durch Ihren Radiosender – vermittelt wird, wie ihr Körper beschaffen sein muss, um sozial erwünscht zu sein, ist inakzeptabel.
  • Frauen und Mädchen, die sich gerade in jungen Jahren in einer Selbstfindungsphase befinden und ohnehin großem Druck durch Schönheitsideale ausgesetzt sind, werden weiter in die Enge gedrängt. Das Selbstwertgefühl junger Menschen wird dadurch gefährdet.
  • Durch Ihre Aktion werden medizinische Eingriffe und deren Risiken völlig verharmlost dargestellt. Dadurch wird mit der Gesundheit und dem Wohlbefinden junger Menschen gespielt, was äußerst gefährlich ist.

Für uns ist bedenklich, welches Frauenbild jungen Menschen hier vermittelt wird: Dabei auch noch von Selbstbestimmung zu sprechen ist für uns reine Verhöhnung. Es beispielsweise als „Geschenk“ zum Muttertag zu bezeichnen, dass Frauen ernsthafte medizinische Eingriffe mit gesundheitlichen Risiken über sich ergehen lassen sollen, nur um einer angeblichen gesellschaftlichen Norm zu entsprechen, ist an Zynismus kaum zu übertreffen.

Handlungsbedarf ist an anderen Stellen gefragt: Wir setzen uns dafür ein, dass junge Menschen in einer Gesellschaft aufwachsen, in der die Schieflagen zwischen den Geschlechtern beseitigt sind, egal ob es um die Bezahlung von Arbeit, Aufstiegschancen oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Außerdem muss es endlich der Vergangenheit angehören, dass Mädchen und Frauen auf ihr Aussehen reduziert und danach beurteilt werden. Hier tragen Medien eine große Verantwortung, gerade auch Sender wie Kronehit, der einen großen Anteil junger HörerInnen hat.

Wir rufen Sie daher als Interessenvertretung junger Menschen auf, diese Bedenken junger Menschen bei Ihrer künftigen Programmgestaltung ernst zu nehmen. Logische Konsequenz wäre, die äußerst fragwürdige Aktion „Tutti Kompletti“, die eine Effekthascherei auf dem Rücken von Mädchen und Frauen ist, abzubrechen.

Mit freundlichen Grüßen
Martina Tiwald, Vorsitzende der Bundesjugendvertretung