BJV-Rede beim Jugenddenkmal

Hier kann die Rede vom BJV-Vorsitzenden Christian Zoll beim diesjährigen Jugendgedenkmarsch im Rahmen der Gedenk- und Befreiungsfeier am 10.05.2015 in Mauthausen nachgelesen werden:

Wir sind heute hier, um gemeinsam an diesem 70. Jahrestag der Befreiung zu gedenken und zu erinnern. Wir erinnern an ein System des Schreckens, des Terrors, der Unmenschlichkeit und wir gedenken den vielen Opfern dieses Systems. Österreich war daran sowohl auf Opfer- als auch auf Täterseite beteiligt.

Dieses System war geprägt von Massenvernichtung und Zwangsarbeit – auch hier in Mauthausen. Im NS-Regime ging es darum, Arbeiter, die im Kriegseinsatz waren, zu ersetzen, aber auch einfach um billige Arbeitskräfte und Profit. Nicht zuletzt wurde damit auch das radikale Ziel „Vernichtung durch Arbeit“ verfolgt.

Zwangsarbeit wie in den Steinbrüchen von Mauthausen hieß für viele Gefangene und Verfolgte: Ausbeutung bis zum Tod. Zwangsarbeit hieß Arbeit unter Schikane und unmenschlichen Bedingungen bis zur tödlichen Erschöpfung. Immer wieder wurden Gefangene schlichtweg die steilen Wände der Steinbrüche hinabgestürzt. Unser heutiger Gedenkmarsch begann in einem dieser Steinbrüche und führte über die sogenannte Todesstiege, die wir gemeinsam heraufgegangen sind. Von den Nationalsozialisten Inhaftierte, die schwerste Granitsteine die Todesstiege hinauftragen mussten, überlebten den Gang über diese Stiege damals nicht.

Auch Jugendliche mussten Zwangsarbeit leisten. Sie wurden in Steinbrüchen, in der Rüstung und im Stollenbau eingesetzt. Im März 1945 waren allein im KZ Mauthausen über 15.000 Häftlinge unter 20 Jahren registriert. Kind zu sein im Nationalsozialismus hieß oft, dass die Kindheit abrupt zu Ende war und überging in erbitterten Überlebenskampf. In den Konzentrationslagern wurden oft auch Kinder in Zwangsarbeitskommandos eingeteilt – wenn sie nicht vorher schon ermordet worden waren, weil sie als „unnütze Esser“ eingestuft wurden. Viele gaben sogar vor, älter zu sein, um als „arbeitsfähig“ zu gelten und der sofortigen Ermordung zu entgehen. Zwangsarbeit war oft einzige Überlebenschance für diese jungen Inhaftierten.

Die Aufarbeitung, offizielle Anerkennung und Entschädigung hat in Österreich viel zu lange gedauert. Viel zu lange wurde der Mantel des Schweigens über die Geschehnisse gelegt. Das dürfen wir nicht mehr zulassen und das, was vor mehr als 70 Jahren geschehen ist, schon gar nicht als Vergangenes abtun.

Auch heute wird mit Diskriminierung und Sündenbock-Politik Stimmung gemacht. Auch heute wird Ausbeutung zugunsten anderer gebilligt und Profitmaximierung auf Kosten anderer Menschen betrieben. Auch heute sind viele Kinder und Jugendliche von gewalttätigen und kriegerischen Konflikten betroffen, sie kämpfen ums Überleben und befinden sich auf der Flucht – oft ganz auf sich allein gestellt. Wir alle tragen hier eine Verantwortung. Wir dürfen nicht zuschauen, wenn tausende Menschen vor den Toren Europas ertrinken. Wir müssen den Menschen, die heute verfolgt werden, neue Perspektiven bieten.

Wichtig ist: Die Erinnerung aufrecht zu erhalten, aber auch die Lehren für heute zu ziehen – das ist unsere Pflicht als nachkommende Generation! Das heißt, wachsam sein und Dinge hinterfragen. Nicht nur auf den eigenen Profit zu schauen ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Was wir leben und weitertragen wollen, ist: Fairness, Toleranz, Respekt und Menschlichkeit. Was wir niemals machen dürfen und wollen, ist, einen Schlussstrich zu ziehen (der leider immer wieder gefordert wird). Wir haben die Verantwortung, die Erinnerung weiterzutragen.
Ganz im Sinne von: NIEMALS VERGESSEN!