Hintergrundgespräch Radikalisierung

Am 23.10.2014 organisierte die BJV eine Diskussionsveranstaltung zum Thema "Diskriminierung Jugendlicher im Kontext aktueller Radikalisierungsdebatten". Gemeinsam mit ExpertInnen, JugendvertreterInnen und anderen TeilnehmerInnen haben wir diskutiert, wie sich die Stimmung gegenüber jungen MuslimInnen in Österreich verändert hat.
Die RednerInnen Kenan Güngör, Johanna Tradinik, Saime Ötztürk, Farid Hafez und die Moderatorin Magdalena Schwarz am Podium © BJV

Am Podium:

Johanna Tradinik, Vorsitzende der BJV
Saime Öztürk, Vorsitzende Muslimische Jugend Wien
Farid Hafez, Politikwissenschaftler, Islamophobie-Experte
Kenan Güngör, Soziologe und Integrationsexperte

Auswirkungen auf junge Menschen

Die Diskussion zeigte, dass Islamophobie kein neues Phänomen ist, das derzeitige Klima gegenüber MuslimInnen aber durch die aktuellen Ereignisse rund um die Rekrutierung von IS-KämpferInnen verschärft wurde. Johanna Tradinik betonte, dass in der aktuellen Debatte auch schon Vorboten des Wahlkampfes bemerkbar seien und forderte einen sensibleren Umgang mit dem Thema der Radikalisierung von Jugendlichen ein: „Derzeit kommen die Auswirkungen auf junge Menschen in der öffentlichen Debatte wenig vor. Die Reaktionen der Politik sind sehr einseitig. Zum Beispiel gibt es einen Entwurf eines neuen Grenzkontrollgesetzes, den wir aus grundrechtlicher Perspektive sehr kritisch sehen, wie wir auch in einer Stellungnahme (PDF) betont haben.“

Globaler Diskurs und Übergriffe

Der Politikwissenschaftler Farid Hafez verwies darauf, dass Islamophobie in Österreich als Teil eines globalen Diskurses betrachtet werden müsse. Religion werde immer wieder dazu herangezogen, um Konflikte zu erklären. „Dennoch haben wir jetzt eine neue Stufe erreicht, sie kann als institutionalisierte Islamophobie bezeichnet werden. Zu nennen sind dazu beispielsweise das Islamgesetz sowie der aktuell geforderte Umgang mit muslimischen Jugendlichen beispielsweise in der Schule.“ Saime Ötztürk bekräftigte, dass derzeit ein Generalverdacht gegenüber MuslimInnen hergestellt werde und berichtete von tätlichen Übergriffen auf der Straße, die von Be-schimpfungen über Bespucken bis zu Vorfällen reichen, wo MuslimInnen das Kopftuch abgenommen werde: „Unsere Erfahrung ist leider so, dass solche Vorfälle oft verharmlost werden, bei einer Anzeige, werden sie nicht als islamophob eingestuft.“

Gegen Pauschalisierungen

Kenan Güngör hielt ebenfalls fest, dass wir es in Österreich mit Islamophobie und derzeit mit einer aufgeladenen Stimmung zu tun haben. Wenn aber nur von Vorurteilen und Islamophobie gesprochen werde, bestehe die Gefahr, dass gesellschaftliche Realitäten ausgeblendet werden. „Es braucht einen ernst gemeinten, sorgsamen Diskurs und Umgang mit der Problematik, dass die IS in Europa KämpferInnen rekrutiert und bereits Tausende dem Ruf gefolgt sind. Und dabei kann man nicht sagen, dies hätte nichts mit dem Islam zu tun, da sich alle auf den Koran beziehen. Gleichzeitig ist es falsch zu sagen, nur der Islam sei schuld.“ Der Jugendarbeit komme dabei auch eine wichtige seismographische Funktion zu.
Saime Ötztürk entgegnete, dass sich IS-Kämpfer zwar auf den Islam beziehen, in Wahrheit aber „religiöse Analphabeten“ seien, deshalb ist es auch schwierig über Organisationen wie die Muslimische Jugend Zugang zu diesen Jugendlichen zu bekommen. Unser Ansatz ist Präventionsarbeit. Außerdem gibt es von Seiten der Muslimischen Jugend Österreich ein Maßnahmenpaket zur aktuellen Thematik.

Prävention

Auch Johanna Tradinik betonte den Stellenwert der Prävention. Man müsse sich fragen, wie es dazu kommt, dass Jugendliche ein Gefühl der Ausgrenzung haben und keine Perspektiven sehen. „Wir fordern, dass v.a. von der Politik ein anderes Klima geschaffen wird. Das beginnt schon in der Schule, wo Mehrsprachigkeit derzeit nicht als Mehrwert anerkannt wird, wenn es sich nicht um Sprachen wie Englisch oder Französisch handelt, oder am Arbeitsmarkt, wo Menschen Probleme haben, wenn sie nicht einen klassisch österreichischen Namen haben oder Kopftuch tragen.“ Es brauche daher langfristige Antidiskriminierungsarbeit auf verschiedenen Ebenen (u.a. auch die Einführung von Doppelstaatsbürgerschaft und Wohnsitzwahlrecht), die aktuelle Anlassgesetzgebung sei nicht ausreichend.

Auszug Medienberichte:

Beitrag auf Radio Orange

Die Presse