Jetzt Zeichen setzen! – Rede von Laura Schoch

27. Jänner 2016
Anlässlich des 71. Jahrestags der Befreiung des NS-Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sprach BJV-Vorsitzende Laura Schoch bei der Gedenkveranstaltung am Wiener Heldenplatz. Hier ihre Rede im Wortlaut.

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten, hoch geschätzte Frau Bock!

Zum zweiten Mal darf ich heute hier als Vorsitzende der Österreichischen Bundesjugendvertretung mit Ihnen einige Gedanken zum Jahrestag der Befreiung des Lagerkomplexes Auschwitz-Birkenau teilen, ein Zeichen setzen, gemeinsam erinnern, aber auch in die Zukunft schauen. Wieder stehe ich hier als Vertreterin von knapp 3 Millionen jungen Menschen, die in einem Land leben, in dem nicht nur mit einer ehrlichen und würdigen Erinnerung an den Nationalsozialismus und an jene Menschen, die von Faschisten und Kollaborateuren zu Opfern gemacht wurden, viel zu spät begonnen wurde, sondern auch in einem Land, in dem rechte Hetzer ihre fixen Plätze eingenommen haben, einem Österreich in dem kaum noch jemand fragt, woher diese Ideologie eigentlich kommt und eine moralische Auseinandersetzung mit den Tätern und Täterinnen der Jahre 1933 bis 1945 viel zu früh beendet wurde.

Seit über oder erst seit 10 Jahren beschäftige ich mich mit diesem riesengroßen Themenkomplex und uns alle hier begleitet diese Auseinandersetzung so lange wir können, das weiß ich. Doch noch nie ist es mir so schwer gefallen wie im Jänner 2016, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Warum ist es so schwierig, 71 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges am stets umkämpften Heldenplatz über die Vergangenheit zu sprechen? Die Antwort liegt vielleicht darin, dass die Art und Weise, wie wir über die Vergangenheit sprechen, uns mehr über das heute sagt, als über das gestern. Sehenden Auges stehen wir da und müssen erkennen, dass sich unsere Gegenwart in kurzer Zeit drastisch geändert hat, ja ganz anders ist, als sie es noch vor zwei Jahren war. Wir müssen zugeben, dass wir es uns zu lange gemütlich gemacht haben und jetzt scheinbar plötzlich in einer Zeit aufgewacht sind, in der jedes Wort zählt und Widerstand jeden Tag im kleinen und im großen das höchste Gebot ist. 2016 mit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu vergleichen, ist unmöglich. Sollte man um das Vergleichen nicht herum kommen, dann könnte man vielleicht am Ehesten die Angst heranziehen, die herumgeistert. Die Befürchtung, dass Stimmungen kippen und wir es vielleicht bald nicht mehr schaffen, mit Mahnungen und Erinnerung durchzukommen und die Täter – die damals wie heute die gleichen sind – zu benennen. Aber Angst macht uns schwach und wenn wir in der Gegenwart gewinnen wollen, dürfen wir nicht in die Knie gehen. Stärker als eine diffuse Angst von Einzelnen ist immer gemeinsame Zuversicht und Solidarität. Doch der Begriff der Solidarität wird täglich angezweifelt und lächerlich gemacht. Die Frage, ob unsere Solidarität richtig oder falsch ist, dürfen wir uns nicht stellen. Der Befund, dass offensichtlich das größte Verbrechen der Geschichte – also die systematische Ermordung von Millionen von Menschen – herhalten muss, um unsere Solidarität im heute öffentlich zu verteidigen, ist vielleicht überraschend und er schmerzt, aber wir müssen uns ihm stellen, ihn als höchst beunruhigend benennen und kämpfen wo wir stehen.

Wenn wir Kraft für unsere Kämpfe schöpfen müssen, dann helfen uns die Überlebenden, ihre Erinnerung und ihre überzeugten Aufträge an uns. Sie haben uns gezeigt, dass sich kämpfen lohnt und wir unbesiegbar werden können. Es geht um viel: um gestern, um heute und um morgen. Egal ob alt oder jung, Parteien, Interessenvertretungen, Zivilgesellschaft oder Einzelpersonen, niemand von uns ist alleine und wir alle haben unseren Beitrag zu leisten: Wir müssen gemeinsam wachsam sein und dürfen niemals vergessen. Nur so können wir Stück für Stück und Schritt für Schritt unseren Kampf um eine gerechtere Welt für alle Menschen gewinnen. Und sollten wir doch einmal müde werden und die Aufgaben zu groß scheinen, müssen es  die Worte von Suzanne Rabinovici zum vergangenen 5. Mai im Parlament sein, die uns nicht mehr aus dem Kopf gehen: Wir sind alt geworden – und bald werden wir nicht mehr sein. Deswegen gebe ich mein Vermächtnis der Erinnerung weiter. Seid von nun an Zeugen unserer Erinnerung! Ihr habt uns gehört. Erzählt davon! Übernehmt unseren Kampf gegen das Lügen, gegen das Vergessen – und für unsere Erinnerungen!