Rede von Laura Schoch bei Jetzt Zeichen setzen!

27. Jänner 2014 - Wer schweigt, stimmt zu!
Anlässlich des 69. Jahrestags der Befreiung des NS-Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sprach BJV-Vorsitzende Laura Schoch bei der Gedenkveranstaltung am Wiener Heldenplatz. Hier ihre Rede im Wortlaut.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich stehe heute hier als Vorsitzende der Österreichischen Bundesjugendvertretung um mit Ihnen einige Gedanken zum 69. Jahrestag der Befreiung des Lagerkomplexes Auschwitz Birkenau zu teilen. Ich stehe hier als Vertreterin von über 2 Millionen jungen Menschen, die in einem Land leben, in dem mit einer ehrlichen und würdigen Erinnerung an den Nationalsozialismus und jene Menschen, die von Faschisten und Kollaborateuren zu Opfern gemacht wurden, viel zu spät begonnen wurde. In einem Land, in dem die juristische und moralische Auseinandersetzung mit den Tätern und Täterinnen der Jahre 1934 bis 1945 stets mangelhaft war. Es ist uns wichtig, ein Zeichen zu setzen und gemeinsam zu erinnern.

Der heutige Holocaust Gedenktag ist einer der wenigen Tage im Jahr, an dem Gesellschaft und Politik Antifaschismus hochoffiziell nach Außen tragen, seit einigen Jahren hier am stets umkämpften Wiener Heldenplatz. Die Konsequenz von Gedenken und Erinnern heißt für uns als Bundesjugendvertretung: aufstehen, aufschreien und Widerstand leisten gegen jeglichen Nährboden für Faschismus, Verhetzung und Ausgrenzung. Diese Haltung beschränkt sich nicht auf ein paar Tage im Jahr. Eine antifaschistische Haltung, die muss sich an jedem Tag manifestieren, im Großen, aber auch im Kleinen. Das heißt für uns, dass wir rechte Schmierereien nicht einfach hinehmen. Antifaschismus heißt, dass wir nicht still halten, wenn Rassisten in der U-Bahn herumpöbeln. Das heißt, dass wir Antisemitismus nicht akzeptieren, homophobe Angriffe nicht hinnehmen und uns ein rechtes Familienbild mit dem Mann als Oberhaupt und der Frau am Herd nicht verkaufen lassen. Antifaschismus heißt aber auch, dass wir eine Vision haben für die Welt in der wir leben, eine Idee von einem besseren Leben, in dem ausgrenzende Politik auf Kosten anderer keinen Platz hat. Antifaschismus bedeutet also, dass wir unseren Alltag aktiv gestalten. Wenn ich beispielsweise bemerke, dass sich in meinem Lieblingslokal Anhänger faschistischer Ideologien zum Bier trinken treffen, dann werde ich nicht mit ihnen anstoßen, sondern Konsequenzen ziehen. Und so verhält es sich auch groß gedacht. Wenn sich in der Hofburg die Creme-de-la-Creme der europäischen Rechten zu ihrem jährlichen Ball trifft – und wir alle wissen, dass auf Bällen nicht nur getanzt wird – dann darf notwendiger antifaschistischer Protest nicht delegitimiert, verharmlost, erschwert oder ignoriert werden. Denn wer schweigt, stimmt zu!

Schweigen ist ein österreichisches Unternehmen mit Tradition, das sich lange gehalten hat, aber dessen Fassade langsam aber doch bröckelt. Täter konnten aufgrund dieses Schweigens zu lange in Schlüsselfunktionen der Republik sitzen, sei es als Bundespräsidenten, als Gerichtsgutachter oder in hohen Positionen an Universitäten. Täter wurden also zu den Eliten der Republik, ohne den Widerstand von AntifaschistInnen, hätten diese Missstände wohl nie Eingang in einen gesellschaftlichen Diskurs gefunden. Unter Rechtfertigungsdruck wurden teilweise Konsequenzen gezogen, teilweise nicht. Und heute? Heute gibt es Rechtsextreme – die genau diese Täter hochleben lassen – die wieder und noch immer an den Drehscheiben der Republik sitzen. Eine Partei, die regelmäßig am rechten Rand anstreift, die kein Problem damit hat, Verurteilte in die höchsten Funktionen des Staates zu heben, wurde so salonfähig gemacht, dass sie als regierungsfähig gilt.

Es geht hier aber nicht nur um die Verantwortung einer Partei, sondern aller politischen Akteure und Akteurinnen, die hier zustimmen oder zuschauen.

Wer den Opfern gedenkt, darf nicht darauf vergessen die Täter zu benennen, denn wenn wir damit aufhören, überlassen wir den Platz den Rechten von heute und ihrer Ideologie von gestern. Unsere antifaschistische Arbeit ist immer noch notwendig und gerade die Ereignisse der letzten Woche und die darauf folgende mediale Berichterstattung zeigen ganz deutlich, dass wir uns einmischen müssen – als Interessensvertretungen, als Parteien, als Zivilgesellschaft und als Einzelpersonen. Und dieses Einmischen darf keinesfalls kriminalisiert werden!

Vom vergangenen Freitag habe ich als junger Mensch von heute einen Ausruf von einem Jungen von gestern mitgenommen, von Rudi Gelbard, einem Überlebenden von Theresienstadt, der unsere Aufgabe auf den Punkt bringt: „No pasaran! Wir lassen sie nicht durch!“ und ich möchte das noch ergänzen – nicht letzte Woche, nicht heute und an keinem anderen Tag.